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Gesellschaft für gemeinnütziges Privatkapital

Fachtag Regenbogenphilanthropie

Working Paper “Let me be me!“

Better Care for LGBTI* Children

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Mit diesem Arbeitspapier (nur auf Englisch verfügbar) greift Dreilinden wichtige Forderungen des 8. Fachtags Regenbogenphilanthropie auf, um LSBTI* Kinder im Kontext Entwicklungszusammenarbeit zu unterstützen: eine bessere Datengrundlage durch mehr Forschung zu schaffen, Kinder zu Wort kommen zu lassen, Promising Practices zu identifizieren und Ressourcen zur Verfügung zu stellen. Das Ergebnis der Zusammenarbeit mit SOS Children‘s Villages International and Keeping Children Safe (KCS) “Let me be me!“ umfasst drei Abschnitte:

Research and Tools bietet den betreffende Menschenrechtsrahmen auf Basis der UN Kinderrechtskonvention, die Analyse der KCS-Umfrage zu Institutional Readiness und die Ergebnisse der Fachtags-Workshops.

Interviews liefert Berichte von fünf jungen LSBT* Care Leavers über ihre Kindheit und die unterschiedliche Sicht und Arbeitsansätze zu queeren Kindern und Jugendlichen von zwei Mitarbeiter_innen aus dem iNGO-Umfeld.

Promising Practices beschreibt die Arbeit von Save the Children International in Vietnam mit LSBT* Straßenkindern und die Reaktion von SOS Children‘s Villages auf queere Kinder und Mitarbeiter_innen in Argentinien und Tunesien.


8. Fachtag Regenbogenphilanthropie

LSBTIQ*-Kinder auf die Agenda der Entwicklungzusammenarbeit

Foto-Bericht

Die Forderung ist klar und unmissverständlich: Es gibt queere* Kinder und Jugendliche. Und ihre Bedürfnisse müssen in der Entwicklungszusammenarbeit berücksichtig werden. Anders als die Jahre zuvor schloss der 8. Fachtag Regenbogenphilanthropie damit thematisch direkt an seinen Vorgänger an. 2015 wurde Grundlegendes erklärt, 2016 sollte es nun in die Arbeitsphase gehen.

Mit dem Bericht über ihre Kindheit im Iran führte die lesbische Aktivistin Shadi Amin die Teilnehmenden in die Materie. Wie sehr sie unter ihrem Anderssein und dem Sich-Verstecken-Müssen litt verdeutlichte eindringlich den Leidensdruck von queeren Kindern. Doch in den vergangenen 40 Jahren gab es offensichtlich nicht viel Fortschritt. „Die angeregteste Diskussion bricht sofort ab, sobald das Thema 'gay' zur Sprache kommt“ berichtete Coenraad de Beer von SOS Children's Village International in der anschließenden Podiumsdiskussion über seine Erfahrungen bei Netzwerktreffen im Globalen Süden und Osten. „Über LSBTIQ-Themen zu sprechen wird entweder als Rekrutierungsversuch oder als Werbung für den Westen aufgenommen“ erklärte Safari A. aus Kenya. Sicher tausche sich die queere Community untereinander aus, aber über oder mit LSBTIQ-Kindern würde nicht geredet. Dabei bräuchten Kinder unbedingt eine Bezugs- und Vertrauensperson. Safari selbst wuchs in einem SOS-Kinderdorf auf und konnte mit niemandem über ihre sexuelle Orientierung reden. Als sie mit 18 ihrer SOS-Mutter und wichtigsten Vertrauensperson davon erzählte, sprach diese eine ganze Weile nicht mehr mit ihr. „Sie wusste einfach nicht, was sie sagen sollte.“ Safari hält es für essentiell, dass nicht nur queere Kinder Unterstützung bekommen. Denn wenn die Mütter keinen Rückhalt innerhalb der Organisation erhielten, würde sich nicht viel ändern. De Beer fügte hinzu, dass iNGOs selbst auch Backup durch Globale Initiativen und von politischer Ebene benötigten. Die Unterstützung sei von Land zu Land unterschiedlich, so Jens Wagner vom Auswärtigen Amt. Vieles erfolge hinter verschlossenen Türen und nicht in offiziellen Statements. Für alle drei steht fest: Zum einen muss die jeweilge Zivilgesellschaft vor Ort gestärkt werden. Nur so kann der öffentlichen Meinung, bei LSBTIQ handele es sich um ein westliches Thema, widersprochen werden. Zum anderen muss klargestellt werden, dass LSBTIQ eben auch ein Kinderthema ist.

In den anschließenden Workshops erarbeiteten die Teilnehmenden – Kinderrechtsorganisationen, Stiftungen, nationale sowie internationale NGOs und interessierte Einzelpersonen – gemeinsam, wie sie das Thema auf unterschiedlichen Ebenen angehen könnten. Die Arbeitsgruppe 'LSBTIQ-Kinder aus der Familienperspektive' trug zusammen, um welche Kinder es sich eigentlich handelte und welchen Schwierigkeiten sie ausgesetzt seien. Trans*- und Inter*-Kinder laufen zusätzlich zur Ausgrenzung Gefahr, Opfer fehlender medizinischer Betreuung oder von körperlicher Verstümmelung durch 'kosmetische' Operationen zu werden. Aufklärung der Eltern und des medizinischen Personals sowie eine höhere Sichtbarkeit des Themas 'LSBTIQ-Kinder' könnte die Situation der jungen Menschen deutlich verbessern.

Eine Analyse ihrer organisationsinternen Bereitschaft für das Thema führten die Teilnehmenden von 'Institutional Readiness' durch. Dabei sammelten sie viele Ideen, wie Mitarbeitende nach einem sorgfältigem Monitoring in den Prozess des Mainstreamings miteingebunden werden könnten, z.B. über Trainings, Webinars und klare Leitlinien durch das Management. Auf Erfahrungen aus anderen Mainstreaming-Thematiken wie HIV/Aids oder Gender könnte dabei ebenso zurückgegriffen wie aus Bad Practices gelernt werden. Interorganisatorisch solle ein konkreter Leitfaden erarbeitet werden, der unerfahrenen Organisationen den Einstieg in das Thema erleichtere.

Auch im Umgang mit lokalen und implementierenden Partner_innen vor Ort, wie Kommunalverwaltungen, zivilgesellschaftlichen Organisationen oder Betreuungspersonal, besteht Handlungsbedarf. Im Workshop „Awareness Raising“ wurde diskutiert, in welchem Verhältnis Top-Down- und Bottom-up-Ansätze zur Sensibilisierung für das Thema stehen sollten. Das Motto „initiiert von unten, gewünscht von oben“ fand großen Anklang. Abhängig von den jeweiligen Landesgesetzen und der gesellschaftlicher Situation müsse jedoch in jedem Fall behutsam vorgegangen werden, um Kinder und Mitarbeitende zu schützen. Populäre Role Models oder eine Erhöhung der Medienpräsenz könnten auf die Bedürfnisse von LSBTIQ Kindern aufmerksam machen. Auch die Anknüpfung an Programme zur Gewaltprävention oder im Gender-Bereich wurde erwogen. Bei allen Vorschlägen waren sich die Diskutierenden einig, dass ein direkter Austausch mit queeren Kindern und ihren Beteuer_innen stattfinden müsse.

Die durchgängige Forderung nach einer größere Datengrundlage einte die Workshop-Ergebnisse. Neben mehr Forschung zum Thema „LSBTIQ-Kinder und -Jugendliche“ könnte die Sammlung von Best bzw. Bad Practices Anhaltspunkte für ein weiteres Vorgehen liefern. Um einen möglichst breiten Erfahrungsaustausch zu gewährleisten, beabsichtigen die Fachtags-Teilnehmenden daher eine enge Zusammenarbeit über alle Organisationen hinweg. Dem Eingangswunsch von Ise Bosch, der Initiatorin des Fachtags und Gründerin von Dreilinden gGmbH, wurde damit voll Rechnung getragen: „Exchange on what is being done, what can be done and how to be more strategic. If you start looking at something you start to see and when you see you also need to act.“

Noch vor Ort wurde beschlossen, wie es konkret weitergeht: Dreilinden wird die Ergebnisse der Workshops in einem Arbeitspapier veröffentlichen. Es wird eine Mailingliste für alle Interessierten geben. Nächste Netzwerktreffen werden im Frühjahr 2017 in Berlin und London stattfinden. Und die Keeping Children Safe Coalition wird den Bedarf nach einer größeren Datengrundlage angehen und eine Umfrage zu Institutional Readiness unter ihren Mitgliedern durchführen. Möchten Sie an der Umfrage teilnehmen, wenden Sie sich bitte an sarah.blakemore@keepingchildrensafe.org.uk. Für weitere Informationen und bei Interesse an der Mailingliste können Sie e.hilgarth@dreilinden.org kontaktieren.

Doch als unmittelbaren nächsten Schritt wollen alle Anwesenden die Erfahrungen und Ergebnisse des Fachtags sowohl in ihre Organisationen als auch in ihr Privatumfeld tragen. Denn wie forderte Safari A.: „We need to mention that LGBTIQ children exist. We need to make others aware that support ist crucial for children.“

Eva-Maria Hilgarth
i.A. Dreilinden gGmbH

*Queer ist ein Sammelbegriff für Menschen, die abweiched von der Heteronormativität leben und wird in diesem Text als Synonym für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans*-, Inter*- und queer lebende Menschen (LSBTIQ) verwendet.

Fotos vom 8. Fachtag Regenbogenphilanthropie


Save the Date:

Freitag, 18. November 2016
8. Fachtag Regenbogenphilanthropie

Die Dreilinden gGmbH und SOS-Kinderdörfer weltweit laden zum achten Fachtag Regenbogenphilanthropie am Freitag, den 18. November 2016, in Berlin ein.

Die sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung von Kindern und Jugendlichen im Globalen Süden und Osten steht auch dieses Jahr im Vordergrund. Lesbische, schwule, bisexuelle, Trans*-, Inter*- und queer lebende (LSBTIQ) Kinder und Jugendliche, denen der Rückhalt in ihren Familien fehlt, sind besonders verletzlich. In der Kinder- und Jugendfürsorge fallen sie oft durch die vorhandenen Sicherheitsnetze.

Auf Basis der Ergebnisse des letztjährigen Fachtags wollen wir dieses Jahr gemeinsam zu folgenden Fragen arbeiten: Wie können international tätige Organisationen das Thema „LSBTIQ-Kinder und -Jugendliche” in ihre Agenda aufnehmen? Wie können sie die Belange von LSBTIQ-Kindern und -Jugendlichen in Projekten und Einrichtungen im Globalen Süden und Osten integrieren und diese jungen Menschen unterstützen? Wie kann die Kompetenz von sozialen Fachkräften und Betreuer_innen ausgebaut werden sowie Aufmerksamkeit und Sensibilisierung in den implementierenden Partnerorganisationen und Netzwerken vor Ort geschaffen werden? Der Fachtag findet dieses Jahr im Format eines Arbeitstreffens u.a. mit Workshops zu den Themen „Institutional Readiness” und „Awareness Raising” statt.

Eingeladen sind Expert_innen und Interessierte aus den Bereichen der Kinderrechtsarbeit, der internationalen Entwicklungszusammenarbeit und Menschenrechtspolitik, von Geberorganisationen, UN-Organisationen, implementierenden Organisationen, Stiftungen und Unternehmen.

Wann: Freitag, 18. November 2016, von 10:00 bis 18:00 Uhr
Wo: SOS-Kinderdorf Moabit, Waldstraße 23/24, 10551 Berlin-Moabit

Der Fachtag wird möglichst barrierearm stattfinden. Der Veranstaltungsraum im SOS-Kinderdorf Moabit befindet sich im Erdgeschoss mit einem ebenerdigen Zugang ohne Schwelle. Eine barrierefreie Sanitäranlage mit ebenerdigem Zugang ist vorhanden. Die Workshop-Räume im 1. Stock sind über einen barrierefreien Aufzug zu erreichen. Bei Bedarf wird in Gebärdensprache gedolmetscht. Bei weiteren Fragen wenden Sie sich bitte an Eva-Maria Hilgarth (e.hilgarth@dreilinden.org).

Einladung und Programm finden Sie hier:


Themenpapier "Rock? – Nicht für mich!"

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Sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung von Kindern und Jugendlichen in der alternativen Betreuung

LSBTI-Kinder, die die elterliche Fürsorge verlieren oder diese schon verloren haben, laufen Gefahr, diskriminiert zu werden. Dies zu ändern, erfordert eine Antwort auf breiter Basis von der Zivilgesellschaft, von Regierungen und internationalen Einrichtungen. „Rock? – Nicht für mich!“ erschließt die Thematik aus unterschiedlichen Blickwinkeln, stellt Beispiele für gute beginnende Praxis dar, und listet aktuelle Texte und Studien zu verwandten Themen auf.


7. Fachtag Regenbogenphilanthropie

Sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung - auch für Kinder und Jugendliche!

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"Wieso war ich anders?" Diese Eingangsfrage der iranischen Menschenrechtsaktivistin Shadi Amin übermittelt in einem Satz Nöte und Ängste queerer* Kinder und Jugendlicher. Und verdeutlicht gleichzeitig die Notwendigkeit zur Diskussion über sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung von minderjährigen Menschen - und zwar nicht nur im Globalen Süden und Osten. Einen Meilenstein hierzu legte der siebte Fachtag Regenbogenphilanthropie der Dreilinden gGmbH in Kooperation mit SOS-Kinderdörfer weltweit.

Shadi Amin lebt heute in Frankfurt. Sie berichtete über ihre Kindheit im Iran. Wie oft sie Ärger bekam, weil sie nur Hosen anziehen wollte. Doch ohne den verhassten Rock der Schuluniform durfte sie als Mädchen nicht am Unterricht teilnehmen. Wie sie beschimpft wurde. Wie alleine sie sich fühlte mit ihrem "Anderssein". Wie sie sich niemandem anvertrauen konnte, als sie sich das erste Mal in ein Mädchen verliebte. Sie berichtete auch über Zwangsoperationen und Elektroschocktherapien an Minderjährigen. "Meine Eltern wollten mich nicht quälen, sie waren überzeugt, dass Homosexualität eine Krankheit ist, die man behandeln muss", erzählte ihr eine Jugendliche in einem späteren Gespräch.

Fotos vom 7. Fachtag Regenbogenphilanthropie

Da LSBTIQ*-Menschen von der Gesellschaft hauptsächlich über ihre Sexualität definiert werden, herrscht oft die Auffassung, dass nur Erwachsene oder zumindest Post-Pubertäre queer sein können. Kinder und Jugendliche, die nicht der geschlechtlichen und sexuellen Norm entsprechen, werden so nicht-existent gemacht und von der Gesellschaft ausgeschlossen. Um bis ins Erwachsenenalter zu überleben, müssen sie ihr Selbst entweder verstecken oder mit massiver Ablehnung bis hin zur Gewalt leben.

Dabei verpflichte die UN-Kinderrechtskonvention von 1989 alle Staaten der Welt, Kinder vor Diskriminierung zu schützen, klärte der bosnische Jurist Muhamed Mešić aus Wien auf. Durch das völkerrechtliche Mittel der Vorbehalte bestünden die Kinderrechte jedoch zum großen Teil nur auf Papier. "Kinderrechte sind Menschenrechte", stellte Mešić fest, "Menschenrechte beruhen auf der zentralen Idee, dass jeder Mensch einzigartig ist und über seine Einzigartigkeit frei und selbstbestimmt entscheiden darf - und zwar unabhängig von seinem Alter." Insofern hätten Kinder selbstverständlich das Recht auf sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung. Über das jeweils geltende Strafrecht würden einzelne Staaten dieses Recht allerdings stark einschränken, insbesondere im Globalen Süden und Osten: Das zeige sich in einem höheren gesetzlichen Schutzalter als bei heterosexuellen Verhältnissen oder mit Gesetzen zum "Schutz vor homosexueller Propaganda", wie es sie in Russland, Nigeria und Algerien gibt.

"LSBTIQ-Kinder und -Jugendliche sind laut einer Studie aus den USA in Pflegefamilien überrepräsentiert", berichtete Coenraad de Beer von der Organisation SOS-Kinderdorf International. Wie diese Kinder und Jugendlichen unterstützt werden könnten, diskutierte er mit den Jugendaktivist_innen Alfred B. und Jelena Čelebić. B. war selbst in einem SOS-Kinderdorf im Globalen Osten aufgewachsen. Čelebić trainiert in ihrem serbischen Frauenfußballverein mit lesbischen Mädchen und Transgender-Kindern. Neben der Aufklärung der Minderjährigen fehle es auch an Ansprechpartner_innen. Umso wichtiger seien Beratungszentren, welche zudem einen geschützen Raum für Kinder und Jugendliche bieten. Online-Angebote sollten diese ergänzen, denn "nicht alle trauen sich, so ein Beratungszentrum zu betreten", gab B. zu bedenken. SOS könne sich zwar nicht über die Gesetzgebung der einzelnen Länder hinwegsetzen, müsse aber sowohl intern als auch extern Öffentlichkeit schaffen, als Vorreiter agieren und zwischen Institutionen und örtlichen LSBTIQ-Organisationen vermitteln. Dass die Existenz von queeren Kindern und Jugendlichen so ein großes gesellschaftliches Tabu darstelle, mache eine Diskussion zu dem Thema einerseits besonders schwierig und andererseits besonders wichtig.

Alle Teilnehmenden erörterten anschließend in Kleingruppen weitere konkrete Maßnahmen. Mehr Forschung zum Thema LSBTIQ-Kinder und -Jugendliche und ihre spezifischen Schwierigkeiten, gerade auch in Entwicklungsländern, wurde gefordert; ebenso wie eine spezielle Schulung des Personals in der alternativen Kinderbetreuung. Letztendlich läge das Problem aber in der Gesellschaft. Ise Bosch von Dreilinden appellierte daher an die Anwesenden: "Das Thema der Heteronormativität und der Geschlechter-Diversität kann unsere Augen und Herzen öffnen. Gerade Kinder lieben es, wenn sich der Horizont erweitert. Lasst uns LSBTIQ-Themen nicht immer nur von der Problemseite betrachten. Lasst uns diese Themen positiv besetzen."

Dreilinden und SOS beschlossen, dass diese Veranstaltung nur der Anfang gewesen sein soll. Der nächste Fachtag Regenbogenphilanthropie wird das Thema fortführen. Bis dahin werden Koalitionen ausgebaut und Dreilinden wird ein Arbeitspapier als Diskussionsgrundlage publizieren. Das Eingangsstatement des Fachtags 2015 von Angelika Schwaiger, SOS-Kinderdörfer weltweit, stellte somit auch eine Aufforderung für 2016 dar - nämlich einen möglichst breiten Zusammenschluss von Stiftungen, NGOs und Betreuungseinrichtungen zu formen: "Wir berufen uns auf die Kinderrechte und respektieren die Individualität jedes einzelnen Kindes. Wir schützen die Kinder vor Diskriminierung, respektieren ihre Privatsphäre und kümmern uns um ihre Bedürfnisse. Sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität sind integraler Bestandteil ihres Wesens und dürfen nie ein Grund für Diskriminierung sein, nirgendwo!"

*Queer ist ein Sammelbegriff für Menschen, die abweiched von der Heteronormativität leben und wird in diesem Text als Synonym für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans*-, Inter*- und queer lebende Menschen (LSBTIQ) verwendet.


Save the Date:

Donnerstag, 19. November 2015
7. Fachtag Regenbogenphilanthropie

Die Dreilinden gGmbH und SOS-Kinderdörfer weltweit laden zum siebten Fachtag Regenbogenphilanthropie am Donnerstag, den 19. November 2015, in München ein.

Thema des diesjährigen Fachtags ist die sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung von Kindern und Jugendlichen im Globalen Süden und Osten. Damit steht die Förderung von LSBTIQ-Kindern und -Jugendlichen im Fokus. "LSBTIQ" steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans*, Inter* und queer lebende Personen.

Seit 1989 gibt es die UN-Kinderrechtskonvention, die bis heute von 195 Staaten unterzeichnet wurde. Diese Übereinkunft legt u.a. das Recht von Kindern und Jugendlichen auf Gleichbehandlung und Schutz vor Diskriminierung und Gewalt fest. Das Recht auf sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung fehlt jedoch. LSBTIQ-Kinder und Jugendliche werden nicht genügend ernst genommen, sie werden oftmals stigmatisiert, pathologisiert oder zwangstherapiert. Medizinische und psychologische Hilfe bleibt unzureichend, der Zugang zu Information und Aufklärung gering. Wie ist die Situation von LSBTIQ-Kindern und -Jugendlichen im Globalen Süden und Osten? Welche Projekte werden diesbezüglich gefördert? Wie gehen Organisationen, die Kinder professionell betreuen, mit diesem Thema um?

Eingeladen sind Expert_innen und Interessierte aus den Bereichen der internationalen Entwicklungs-zusammenarbeit und Menschenrechtspolitik, von Geberorganisationen, Stiftungen und Unternehmen.

Wann: Donnerstag, 19. November 2015, von 10:00 bis 17:00 Uhr
Wo: Münchner Aids-Hilfe, Lindwurmstr. 71, 80337 München

Der Fachtag wird möglichst barrierearm stattfinden. Zugang zum Tagungszentrum im Hinterhaus (schwellenfreie Hofeinfahrt) über eine mobile Rampe (5 Stufen, Neigungswinkel 33°, Assistenz wird bei Bedarf gestellt, geringste Durchgangsbreite 86 cm). Behindertengerechtes WC im 1. Stock Vordergebäude (geringste Durchgangsbreite 80 cm) über einen barrierefreien Aufzug (zwei Türen) zu erreichen. Bei Bedarf wird in Gebärdensprache gedolmetscht. Bei weiteren Fragen wenden Sie Sich bitte an Eva-Maria Hilgarth (e.hilgarth@dreilinden.org).

Einladung und Programm finden Sie hier:


6. Fachtag Regenbogenphilanthropie

„LSBTI Menschenrechtsarbeit: Weiterentwicklung und Rückschläge. Schwerpunkt: Lebenssituation von LSBTI in Osteuropa und Russland“

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„Ich habe große Angst davor, dass mir meine Tochter weggenommen wird. Zum Glück ist sie schon fast erwachsen.“ Die Bestürzung auf dem Podium war sekundenlang spürbar, bis die Simultanübersetzung des russischen Satzes die Erklärung dafür lieferte. Der sechste Fachtag Regenbogenphilanthropie – ausgerichtet von Dreilinden gGmbH und der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ im November in Berlin – bot allen Teilnehmer_innen Information und Möglichkeit zur Vernetzung; er involvierte sie aber auch emotional. Im Fokus dieses Jahr stand die Lebenssituation von LSBTI (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans*- und Inter*-Menschen) in Osteuropa.

Fotos vom 6. Fachtag Regenbogenphilanthropie

Tatiana Vinnichenko, die Gründerin der russischen LSBT-Beratungsorganisation Rakurs, empfindet die Stimmung in Russland als zunehmend aggressiv. LSBT-Organisationen verlagern sich in die Großstädte, während die Landesperipherie zunehmend verwaist. Probleme sieht Vinnichenko v.a. bei der Beratung von jugendlichen LSBT. Durch das „Anti-Propaganda-Gesetz“ sind den Mitarbeiter_innen bei Rakurs die Hände gebunden. Denn dieses Gesetz stellt positive oder neutrale Äußerung über Homosexualität in Anwesenheit von Kindern unter Strafe. Nicht-heterosexuelle Minderjährige müssen alleine klar kommen, bis sie 18 Jahre alt sind. Ein neuer Gesetzesentwurf will gar dem Staat erlauben, Kinder aus Regenbogenfamilien herauszuholen. Deshalb hofft Vinnichenko, dass die Verabschiedung des Gesetzes noch so lange dauert, bis ihre Tochter nicht mehr davon betroffen ist.

(Aktualisierung: am 18.12.2014 wurde die LSBT-Beratungsorganisation Rakurs vom russischen Justizministerium als „ausländischer Agent“ eingestuft. Seit März 2013 wurden über 50 Nichtregierungsorganisationen, die finanzielle Unterstützung aus dem Ausland erhalten, mit diesem Instrument unter Druck gesetzt und überwacht; teils auch nur mit der Androhung auf Einstufung¹. Die Kategorisierung führt zu einem erhöhten finanziellen und bürokratischen Aufwand bis hin zu Kontrollen und Geldstrafen. Zudem diffamiert der Begriff aus dem Kalten Krieg die zivilgesellschaftlichen Einrichtungen. Stand: 19.12.2014.)

Doch nicht nur in Russland ist die Lage für „nicht-traditionelle Lebensweisen“ schwierig. Mit dem Beitritt Litauens zur EU verband Vladimir Simonko, Vorstand der Lithuanian Gay League LGL, große Hoffungen – „naiverweise“, wie er selbst sagt. Denn die zunehmende Homophobie werde in Litauen stillschweigend geduldet. Werbevideos zum Baltic Pride 2013 wurden zensiert, homophobe Äußerungen im Parlament nicht geahndet. Von einer ähnlichen Situation in der Ukraine berichtete Anastasya Smirnova von ILGA Europe in einer Videobotschaft. Sie gab einen Überblick über Russland, Litauen und die Ukraine und sieht in allen drei Ländern eine akute, sich verstärkende Bedrohungslage.

„Was können wir in Deutschland tun um Euch zu unterstützen?“, war eine Frage aus dem Publikum. „Gezieltes Ansprechen von russischen oder litauischen Politiker_innen zu LSBTI-Rechten. Denn wir werden gar nicht vorgelassen“, wünschten sich Vinnichenko und Simonko. Auch die Beziehungen der Partnerstädte sollten weiter intensiviert werden. Ein gutes Beispiel hierfür liefere die Aktion Freundschaftskuss.

Entschließen sich LSBTI zur Emigration, kommen Schwierigkeiten in Deutschland auf sie zu. „Wir raten davon ab, Asyl zu beantragen. Dies ist mit Abstand der schwierigste Weg. Wer es sich leisten kann, sollte lieber versuchen, in Deutschland zu studieren oder zu arbeiten“, erklärten Regina Elsner von quarteera und die Rechtsanwältin für Migrations- und Familienrecht Barbara Wessel. Die Diskriminierung durch andere Asylsuchende, hin bis zur massiven Gewaltandrohung und -erfahrung, sei eine Sache; eine andere die Abhängigkeit von ungeschultem und teilweise homophobem Personal, beim Übersetzen, vor Gericht, in den Unterkünften etc. Ferner müssten Anwaltskosten selbst übernommen werden. Mit einem Hilfsfonds könnte man Sprachkurse finanzieren und Personal sensibilisieren, schlugen Elsner und Wesel vor. Stephan Jäkel von der Schwulenberatung Berlin ergänzte diese Vorschläge noch um Ankauf von queeren Flüchtlingswohnungen.

Neil Grungras von ORAM International bekräftigte, wie schwer es im globalen Vergleich sei, in Deutschland Asyl zu erhalten - im Gegensatz zu den USA oder Kanada. Ob zur Verbesserung der Lage Kontigentflüchtlinge LSBTI beitragen könnten, wurde kontrovers diskutiert. Auf jeden Fall müssten auch in Deutschland weiterhin Berührungsängste abgebaut werden, forderte neben Andrea Kämpf (DIMR, Mitherausgeberin der Studie) auch Christoph Strässer, Mitglied des Bundestags, SPD und Menschenrechtsbeauftagter der Bundesregierung. „Nur so können wir mit mehr Glaubwürdigkeit im Ausland auftreten“, sagte Strässer. Die Rechte von LSBTI seien ein zentraler Punkt für ihn in seiner internationalen Arbeit als Menschenrechtsbeauftagter.

Vorgestellt wurde auf der Tagung ebenfalls die Studie „Regenbogenphilanthropie 3“. Auch sie belegt den nach wie vor verkrampften Umgang mit LSBTI in Deutschland. Bei einer Befragung zur Spendenbereitschaft wurde Rücksichtnahme auf das Stammspenderklientel als ein Grund für eine Nicht-Förderung angegeben. Andere Organisationen fördern nicht-öffentlich. Insgesamt beteiligten sich mehr Zivilgesellschaften an den 1,5 Millionen Fördervolumen für LSBTI im globalen Süden und Osten als in den letzten Jahren. Reine Lesben- und Trans*-Projekte erhielten einen höheren Anteil am Gesamtfördervolumen, und erstmalig gab es auch Geld für die Unterstützung von Inter*-Personen. Eine erfreuliche Entwicklung fanden Studienautor_innen Irene Knoke (Südwind), Persson Baumgartinger (Verein ][ diskursiv) und Kommentatorin Sarah Kohrt (Hirschfeld-Eddy-Stiftung).

Gleichzeitig wurden vorhandene Fördertöpfe nicht ausgeschöpft. Die Eigenbeteiligung bei der Förderung sei zu hoch, gerade für kleine Organisationen – dieser Kritikpunkt fiel sowohl bei der Studienvorstellung als auch nach dem Vortrag von Katharina Spieß für das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Die Türen seien aber offen, betonte Spieß, und ermunterte zur Kontaktaufnahme.

Grundsätzlich seien gute Anfänge gemacht, um Menschenrechte von LSBTI zu stärken. Neue Synergieeffekte gehen von der Vernetzung der Teilnehmer_innen in den Pausen des Fachtags aus. Denn wenn es keinen direkten Zugriff auf Hilfe gibt, müssen Umwege improvisiert werden. Oder wie der ORAM-Gründer Neil Grungras fomulierte: „Look for friends - just keep turning every stone and you'll find them there.“

Eva-Maria Hilgarth
i.A. Dreilinden gGmbH

¹ http://www.hrw.org/news/2014/12/15/russia-government-against-rights-groups


Neu erschienen: Studie Regenbogen Philanthropie 3:

Menschenrechte stärken! Deutsche Förderung von LSBTI-Menschenrechtsarbeit im Globalen Süden und Osten.

Die Nachfolgestudie zu Regenbogen Philanthropie 1 und 2 von 2009 und 2011 beobachtet die Trends. Um welche Summen geht es? Wer sind die Player? Welche Themen innerhalb von LSBTIQ, welche Arbeitsstrategien werden gefördert? Autor_in sind Irene Knoke und Perry Baumgartinger; Mit-Herausgeberin ist das Deutsche Institut für Menschenrechte. Mit aktuellen Recherchen zu den Themen LSBTI-Mainstreaming in der Entwicklungszusammenarbeit; Förderungen über Dritte; Hinderungsgründe für Förderer.

Die Studie finden Sie hier:


Save the Date: Freitag 28. November,

Fachtag Regenbogenphilanthropie in Berlin

Die Dreilinden gGmbH und die Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" (EVZ) laden zum sechsten Fachtag Regenbogenphilanthropie am Freitag, den 28. November 2014, in Berlin ein.

Der Fachtag adressiert die Förderung der Belange von Menschen aus dem globalen Süden und Osten, deren sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität nicht den Normvorstellungen der Mehrheit entsprechen.

Zentrales Thema des diesjährigen Fachtags wird die Vorstellung der aktuellen Studie "Deutsche Unterstützung für LSBTI Menschenrechtsarbeit im globalen Süden und Osten" sein.

Darüber hinaus steht die intensive Beschäftigung mit der Situation von LSBTI in Osteuropa auf der Agenda. Wie wirkt sich das Anti-Propaganda-Gesetz auf Menschen und Menschenrechtsarbeit aus? Wie gestaltet sich der Alltag der NGOs unter dem Status „Auslandsagenten“? Welche Auswirkungen hat die Ukraine-Krise? Zur Diskussion erwarten wir meinungsstarke und erfahrene Gäst_innen aus Osteuropa und deren Partner_innen aus Deutschland.

Eingeladen sind internationale Expert_innen aus dem Bereich der Menschenrechts- und Entwicklungspolitik, von Geberorganisationen und Stiftungen.

Wann: Freitag, 28. November 2014, 11-18:00 Uhr
Wo: "Wilde Oscar" im Lebensort Vielfalt, Niebuhrstraße 59/60, 10629 Berlin-Charlottenburg
Anfahrt: www.wildeoscar.de/anfahrt

Einladung mit Programm und Anmeldung finden Sie hier: